Kindersinfonie

 

Berchtesgadener War(e) ein Verkaufsschlager auf dem Weltmarkt

Man stelle sich vor, eine der vielen Erfindungen an Sportgeräten, Computer ... etc. käme nicht aus Amerika sondern aus Berchtesgaden. Traumhaft, aber leider nicht Realität! Vor etwa 250 Jahren jedoch eroberte “Berchtesgadener War” den Weltmarkt. Man war „innovativ" und erfindet aus der Not heraus Kinderspielzeug, das sich in Verbindung mit Noten hervorragend verkaufen läßt.

Verkaufsstrategie

Dabei bedient man sich eines Tricks, der auch heute noch funktioniert: Präsentiert ein Popstar seine neue CD, wird diese ungeprüft und ungehört gekauft, allein der Name genügt. Der damalige “Popstar” war Joseph Haydn, eine in aller Welt bekannte musikalische Größe, erfolgreich in Europa und England. Sein Name und die Musik garantieren einen guten Absatz.

Verschiedene Autoren vieler neuer Kompositionen

Auch die Verlage in London, Paris oder Leipzig, die diese "Kindersinfonie" im Druck herausgeben, gehen so vor und nennen als Autoren: Joseph Haydn (1732 - 1809), dessen jüngeren Salzburger Bruder Michael Haydn (1737 - 1806) aber auch Leopold Mozart (1719 - 1787), der seine Zuhörer mit einer Cassatio ex G erfreut, deren Sätze 3. 4. und 7. identisch sind mit der Kindersinfonie. Der 1750 in Mühldorf gebürtige und als Halleiner Chorregent wirkende Joseph Pründl verwendet das Instrumentarium in einer Musica nocturna mit sechs Sätzen. Johann Nepomuk Franz Seraph Rainprechter, geboren 1752 in Altötting, ab 1779 Chorregent des Stiftes St. Peter in Salzburg, nimmt zu der ansonsten üblichen kleinen Streicherbesetzung für seine 13 Menuettini tedeschi auch noch Hörner, Trompeten, Pauken, Oboen und Fagotte hinzu.

Weltweite Verbreitung

Besagtes Instrumentarium inspiriert nicht nur die oben genannten Komponisten in der näheren Umgebung. Bernhard Romberg, (geboren 1767 in Dinklage, 1841 verstorben in Hamburg) schreibt eine Kindersinfonie. Eine Toy-Symphony Opus 85 komponiert Ignaz Lachner (1807-1895), Musikdirektor am Theater in München, Hamburg, Stockholm und an der Oper in Frankfurt am Main, von Richard Wagner ein „elender Dirigent und Stümper" genannt, weil er lieber Verdi-Opern aufführt als Wagnersche Musik. Jiri Druzecky (1745 - 1819), Musikdirektor in Budapest, bereichert sein Bläseroktett mit Berchtesgadener War und läßt sie in seiner Partita “Berdlersgarn” erklingen.

Die Fülle der Handschriften und Drucke ist erstaunlich, man findet sie in Stams (Tirol), Budapest, Melk, Eisenstadt, Krummau, Prag, Dresden, Hamburg, Paris, Brüssel und Berlin.
 

Geschichtliche Weiterentwicklung

Nach dem Tode Joseph Haydns ordnet Anthony van Hoboken dessen Nachlaß, findet aber in den genauen Buchführungen Haydns keinerlei Vermerke, eine „Kindersinfonie" bzw. „Berchtolsgaden Musick" geschrieben zu haben.

Edmund Angerer OSB, Komponist der Kindersinfonie?

Neueste Forschungen versuchen einen Pater Edmund Angerer OSB als Komponist zu belegen, da dessen Kollege Pater Stefan Paluselli Ocist (1748 - 1805) im Musikarchiv des Stiftes Stams (um 1785) folgende Abschrift verfertigte


BERChtolds

-Gaden

Musick

a

Violino, e Viola

Con

Baßo

Quagliarulo: Wachtel-Ruf in F

Cuccolo, Guguck G. E

Piffaro con ruoticella: Windpfeifgen G

Trompetta piccola. Trompetchen G

Rasca. Raetschgen. *

Organo. Oergelchen *

Auth[ore] R[everendo] P[atre] Edmundo

Angerer Ord[inis] S[anc]ti

Benedicti in Fiecht.

Paluselli erstellte ein Register aller Noten mit Autoren wie Brixi, Michael Haydn, unbekannte Komponisten werden unter „N.N." geführt.

Unter Nummer 17 ist auf Seite 150 die Kindersinfonie - ohne Werktitel - registriert; die Besetzungsangabe lautet: Violino, Viola, Baßo. con sei stromenti fanciulesci Berchtoldsgaden. Deutlich steht der Name des Komponisten: Angerer. Dazu ein * mit der Bedeutung, daß er persönlich dieses Werk für das Stift besorgt hat.

Zweifel

Der australische (!) Musikwissenschaftler Robert Illing kann sich allerdings mit dieser Version nicht anfreunden und bezweifelt in einer 140 Seiten umfassenden Studie, daß Angerer, wenn sicher der Schreiber der Noten, damit auch gleichzeitig der Komponist sein müsse.

Neue Verwendung der Berchtesgadener War

1912 ist man in Berchtesgaden wieder erfinderisch: Schnitzschuldirektor Bernhard Wenig und Architekt Georg Zimmermann sen. wollen etwas für die Berchtesgadener Handwerkskunst tun und hängen Berchtesgadener War anstelle von Kugeln an den Christbaum. Sicher haben damals die beiden in ein Pfeiferl oder Trompeterl auch hineingeblasen, daß sie damit aber richtig musizierten, darf man ausschließen. Ganz im Gegensatz zu

Wolfgang Amadeus Mozart!

Datiert mit 6. Oktober 1770 findet man in einem Brief von Leopold Mozart aus Bologna vom vierzehnjährigen W.A. Mozart folgendes Postskriptum:

„Ich wünsche, daß ich bald könte die Pertelzkammersinfonien hören, und etwa ein trommpetterl oder pfeifferl darzu blasen ..."

Nicht auszuschließen ist, daß er an die kleinen Stücke der „Berchtolsgaden Musick per il Clavicembalo" dachte, die heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien verwahrt werden und als Klavierauszug der 13 Menuettini tedeschi Rainprechters betrachtet werden können.

Und heute?

Um diese Stücke auch jetzt aufführen zu können, mußte man 2004 wieder erfinderisch werden. Ein sogenanntes „Meisenpfeiferl" muß besetzt werden, welches in dieser Form nicht vorhanden ist. Der Berchtesgadener Fleitlmacher Bernhard Oeggl ersetzt den Schwanz eines Vogerls durch sein Fleitl und ermöglicht so die Imitation eines Vogelgezwitschers.

Siehe und höre auch: Berchtolsgaden Deutsche

2005-09-20 = Copyright Urban Hafenmair

 

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